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Grundlagen der Gesangstechnik

 

1. Atmen

 

Die Basis Deines Gesangs ist die Zwerchfellatmung und die Atemkontrolle. Es geht dabei die Dosierung und das Zurückhalten der Luft. Deine Atemtechnik beeinflusst Deinen Gesang entscheidend.

Wir atmen mit dem Gefühl ein, als ob wir gähnen oder staunen würden. Wenn immer möglich, durch die Nase. Dein wichtigster Atemmuskel, das Zwerchfell, bewegt sich dabei nach unten – synchron dazu Dein Kehlkopf und Kiefer. Dein Brustkorb dehnt sich ringsum aus, vor allem im unteren Bereich, der Zwerchfellebene. Das Zwerchfell bewegt sich bei der Einatmung nach unten und auch zur Seite. Achte darauf, Deine Schultern dabei zu entspannen. Dein Oberbauch, direkt unterhalb der Rippen, bewegt sich beim Sängeratem durch die Zwerchfellbewegung leicht nach außen. Dein Unterbauch, als Gegenbewegung dazu, leicht nach innen, was eine zusätzliche Dehnung im unteren Brustkorb bewirkt. Unter “weiterlesen” kannst Du auf einem Video sehen, wie Luciano Pavarotti die Zwerchfellatmung perfekt demonstiert.

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Wie Du siehst, atmet Luciano Pavarotti ein, indem er den Unterbauch leicht nach innen zieht. Das bewirkt eine zusätzliche seitliche Ausdehnung seines Brustkorbs. Die für die Atemdosierung notwendige Querspannung des Zwerchfells erhöht sich. Indem er diese Spannung tendenziell aufrecht erhält, verhindert er, dass Luft ungenutzt entströmt. Es ist die Atemtechnik, die von vielen berühmten Sänger-/innen angewandt wurde und wird. Berühmtestes Beispiel ist Enrico Caruso. Sie ist auch als “Yoga-Atem” bekannt.

 

Noch einmal, weil es wichtig ist: Du stellst Dir vor, nachdem Du den Unterbauch leicht beim Einatmen einziehst, dass Du den Atem bis in die Lungenspitzen führst, in den Brustraum bis nach oben zu den Schlüsselbeinen. Die Rippen sind kontinuierlich geweitet.
In der Einatmungsphase achtest Du darauf, dass Deine Schultern, Dein Hals, Dein Kehlkopf und Deine Zunge völlig entspannt sind. Der weiche Gaumen öffnet sich leicht nach oben, wie kurz vor dem Gähnen. Dein Kehlkopf bewegt sich dabei nach unten, wenn Du klassisch singst.  Wenn Du Jazz oder Pop singst,  bleibt der Kehlkopf in einer entspannten, neutralen Position.

 

Du kannst Dir auch vorstellen, dass Du bis zum Becken einatmest. Den Atemimpuls kannst Du bis dahin spüren.    Der wichtigste Atemmuskel, das Zwerchfell, bekommt dabei seine notwendige Querspannung besser, wenn Du bei der Einatmung den Unterbauch  leicht einziehst, genau wie bei der Yoga-Atemtechnik.

 

Die an der Sängeratmung beteiligten Muskeln sind hauptsächlich:

1) das Zwerchfell
2) die Zwischenrippenmuskeln
3) die Bauchmusulatur
4) die Rückenmuskulatur
In diesem Video kannst Du die Funktion unserer Atmung und die Bewegung des Zwerchfells studieren:

 

Nasen- und Mundatmung

Ideal ist es, so oft und soweit es möglich ist, durch die Nase einzuatmen. Das verhindert, dass die Schleimhäute austrocknen. Auch  kann die Nasenatmung  einen günstigen Einfluss auf den Klang haben. Der Nasenraum wird für Deine Resonanz präsenter. Wenn Du aus musikalischen Gründen keine Zeit für die Einatmung durch Nase hast, atmest Du durch Nase und Mund.

Atme immer mit einem Gefühlsimpuls ein. Gesang ist die Sprache der Emotionen. Die Art und Weise wie Du einatmest, bestimmt Deinen Klang. Stelle Dir beim Einatmen vor, was Du ausdrücken willst und wie es klingen soll.   Atme sozusagen die Idee und das Gefühl der Textaussage und der Musik ein.  Und zwar so, als wäre der Gedanke gerade entstanden.

Wenn Du so einatmest, als wärst Du freudig überrascht oder würdest erschrecken, kann es Dir helfen, Deinen Kehlkopf optimal zu öffen.

Beim klassischen Gesang sollte Dein Kehlkopf bei der Einatmung maximal geöffnet werden, um einen möglichst resonanten und ohne Mikrofon tragfähigen Klang zu erreichen. Wichtig dabei ist, dass Du ihn nie mit der Zunge abwärts drückst.

Wenn Du Musical- Jazz – oder Popsänger bist und verstärkt singst, solltest Du Deine Kehle einfach locker hängen lassen. Eine zu große Einatmungs-Tiefstellung des Kehlkopfs würde den Klang zu klassisch klingen lassen.

2. Atemstütze – Support – Appoggio

Lauritz Melchior, einer der größten Heldentenöre,  in einem Interview: “Breath control is one of the most important things – die ABC of good singing”.

Die Kontrolle über Deine Atmung entscheidet über die Qualität Deines Gesangs und die Gesundheit Deiner Stimmbänder.

Du  balancierst bei gutem Gesang zwei Kräfte: das dynamische Spiel der Ausatmung (untere Bauchmuskeln) und der Einatmung (Zwerchfellaktivität).

Beim Einatmen bewegt sich das Zwerchfell nach unten wie der Kolben in einem Zylinder. Der Lungenraum und Brustkorb wird erweitert. Dadurch entsteht ein Unterdruck. Beim Ausatmen ohne zu singen bewegt sich das Zwerchfell relativ schnell nach oben und die Rippen zurück in die Ausgangsposition. Die Lunge leert sich innerhalb kurzer Zeit.

Diese Aufwärtsbewegung des Zwerchfells und das kleiner werdende Atemvolumen willst Du als Sänger verlangsamen, weil Du einen langen Atem brauchst. Außerdem sollte der subglottische Druck, also der Luftdruck, mit dem Deine Stimmbänder schwingen, möglichst gering sein. Besonders wichtig ist das bei hohen Tönen, um den Stimmbändern nicht zu schaden. Je höher Dein Ton, desto länger und länger und dünner müssen sie sich spannen, um schnellere Schwingungen zu erzeugen. Der Atemdruck muss von Dir verringert werden.

Du solltest beim Singen die Weite Deines Brustkorbs, die Du nach der Einatmung erreichst, so gut wie möglich beibehalten. Vor allem im unteren Bereich des Zwerchfells. Du solltest die Luft dosiert und langsam abgegeben. Deine Einatmungsmuskeln, Rücken und Bauchmuskeln sind dabei aktiv. Das Zwerchfell steigt so langsam wie möglich in die Ausgangsposition nach oben. Du bleibst beim Singen tendenziell immer im Gefühl der Einatmung, um die Stimme nicht zu belasten. Das Zwerchfell so lange wie möglich in der Tendenz der tiefen Einatmungspostion.

Die italienische Gesangsschule nennt die Aufrechterhaltung der Einatmungstendenz “Appoggio”. Appoggiarsi: sich lehnen, anlehnen, sich auf etwas anlehnen. Was ist gemeint? Du als Sänger “lehnst” Dich gefühlt von oben auf das Zwerchfell und in die Weite Deines Brustkorbs. In die Einatmungstendenz, um den Luftstrom dosiert zurück zu halten. Das sog. Appoggio ist im Brustkorb abwärts und nach außen gerichtet, um den Luftstrom abzubremsen. Du lässt nicht zu, dass Dein Brustkorb beim singenden Ausatmen kleiner wird. Deine Einatmungsmuskeln sind bei Deiner Tongebung aktiv.

Der sog. Support oder die Atemstütze ist aufwärts und  nach innen gerichtet. Die unteren Bauchmuskeln sind dabei aktiv. Es ist der luftgebende Anteil beim Singen.

Bei hohen Tönen kann die Beckenkippbewegung als zusätzliches Appoggio angewandt werden, um das Zwerchfell und den Kehlkopf in der tiefen Position beihalten zu können. Das Kreuzbein bewegt sich dabei im oberen Teil nach hinten. Das Hohlkreuz wird ausgeglichen. Das Ergebnis ein gerader Rücken. Die Wirbelsäule ist dabei Dein Kraftzentrum. Du kannst Dich tendenziell dabei auf den hohen Ton “setzen”. Als würdest Du nach einem anstrengenden Tag Dich in einen Sessel fallen lassen.

 

Vergleichen kann man zur Veranschaulichung das Appoggio mit der Bremse eines Autos, mit dem Du einen Berg abwärts fährst. Der Begriff Appoggio bezieht sich auf die Bremse. Du wirst immer, dem Straßenverlauf angepaßt, mit Gaspedal (Luftstrom/untere Bauchmuskeln) UND Bremse (Appoggio)   als Gegenspieler Dein Fahrzeug bei der Fahrt unter Kontrolle halten.

Von Profisängern werden unterschiedlichste Appoggio-Techniken angewandt. Eine Möglichkeit,  um das Zwerchfell in seiner Aufwärtsbewegung zu verlangsamen, sich vorzustellen, einen imaginären Ballon im Magen von oben und unten zu knautschen. Der obere Teil entspricht dem Zwerchfell. Der untere dem Beckenboden mit den unteren Bauchmuskeln. “Ballon in the stomach” (Jerome Hines) oder “Sandwich-Effekt”- Appoppio-Technik. Wenn ich ausschließlich mit dem Zwerchfell nur nach unten und außen dränge, riskiert man bei Übertreibung einen Leistenbruch. Wir brauchen eine “Stütze”, eine Gegenkraft, um dies zu verhindern. Die unteren Bauchmuskeln, die Ausatmungsmuskeln “stützen” den Ton, sind das “Gaspedal”.   Das nach unten drängende Zwerchfell die “Bremse” der Luft, um schädlichen Überdruck unter den Stimmbändern zu vermeiden. Faktisch bewegt sich das Zwerchfell selbstverständlich dennoch nach oben, aber relativ langsam. Hierfür braucht es einige Geduld, um dieses Spiel zu koordinieren. Der Begriff “Appoggio” bezieht sich also auf das Zwerchfell, der Begriff “Support” oder “Stütze” auf die unteren Bauchmuskeln. Die Kunst dabei ist es, flexibel zu bleiben, Festigkeit im Körper nicht aufkommen zu lassen.

 

 

INHALARE LA VOCE – Wichtigster Baustein für guten Gesang und Belcanto-Technik. Singe so, als würdest Du weiter ein- nicht ausatmen.

Effekt/Vorteile:

1. Du schonst damit Deine Stimmbänder, weil sich dadurch der Atemdruck stark vermindert.

2. Der geringere Druck, der auf Deine Stimmbänder trifft, führt zu einem besseren Stimmbandschluss. In der Folge entsteht dadurch ein brillanteres Obertonsprektrum.

3. Der stärkere Obertonanteil führt zur stärkeren Tragfähigkeit Deiner Stimme.

4. Bei richtiger Anwendung öffnet Inhalare la voce den Vokaltrakt: öffnet die Kehle und das Gaumensegel. Du erzeugt damit einen größere Kehlweite, einen größeren Raum.

Es gibt nicht wenige Sänger, die das Publikum vor sich sehen und die Stimme – wie beim lauten Rufen, in Richtung der Zuhörer mit zu hohem Luftdruck mehr oder weniger pressen. Eine Überdrucktechnik, die zwar verständlich, aber genauso falsch ist. Das Zwerchfell steigt hier zu schnell. Richtig ist es, das Zwerchfell so lange wie möglich in der tiefen Einatmungs-Position zu halten.

Auf Dauer ist für die meisten Sänger die Überdrucktechnik stimmschädigend – Du belastest Deine Stimmbänder. Du begrenzt damit die Qualität Deiner Stimme, Deiner Obertöne, wenn Du mit Überdruck singst. Hat Deine Stimme genügend Obertöne, brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen, ob Du gehört wirst. Etwa wie bei einem Singvogel, der sich keine Gedanken macht, ob er gehört wird oder nicht. Er singt nicht in eine Richtung, sondern besitzt die Frequenzen, die ihn hörbar machen.

Was bedeutet “Inhalare la voce”? Die Stimme “einatmen”. Eine Unterdrucktechnik – im Gegensatz zu stimmschädigender Überdrucktechnik. Es ist ein subjektives Gefühl der Sänger, das entsteht, wenn Du, nachdem Du eingeatmet hast, die Luft angehalten hast, Dir vorstellst, beim Singen NICHT auszuatmen, sondern weiter einzuatmen. Den Ton imaginiert ein- oder ansaugst. Ein willentlicher Vorgang. Du erreichst dabei ein Singen mit minimalsten Luftverbrauch. Voraussetzung ist die maximal geöffnete, also bei der Einatmung tiefgestellte Kehle. Bei der Einatmung und Deinem Gesang solltest Du jede Spannung im Hals, Kiefer, Gesicht vermeiden. Wenn man die großen Sänger beobachtet, sieht es meistens nicht nach harter Arbeit aus.

Du kannst bei dieser Technik die Phrasen lange halten ohne neu atmen zu müssen. Für die Stimmlippen selbst bedeutet “Inhalare la voce” größtmöglichste Schonung. Druckloses Singen mit starken Obertönen, weil die Stimmbänder mit dieser Gesangstechnik maximal schließen können. Für die Gesundheit der Stimme ist das Inhalare la voce wichtigste Voraussetzung.

Indikator dafür, daß Du mit dem Inhalare la voce singst: Du fühlst nicht, daß Du den Klang ausatmest, in Richtung der Zuhörer singst. Eine Hilfe dafür die Spiegeltechnik: sich vorzustellen, in einen Spiegel, der hinter Dir steht, zu singen. Der Spiegel reflektiert dann den Klang in die Richtung der Zuhörer.

Oder: Du imaginierst, dass Du für ein Publikum singst, dass sich HINTER Dir befindet. Der Atemdruck kann sich dabei wesentlich verringern. Drücke niemals die Stimme nach vorne wie beim Schreien. Du verlierst dabei die Schönheit Deines Timbres und einen Teil des Obertonsprektums.

Luciano Pavarotti: “Do not sing before you are ready. 1) Breathe 2) Hold the breath (support, appoggio) 3) Sing”

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Luciano Pavarotti: „Do not start the tone before you are ready.  Breathe, hold the breath (support) and then you can sing.“  Es geht dabei um das DOSIERTE Ausatmen. Die italienische Gesangsschule spricht vom „inhalare la voce“, das “Inhalieren der Stimme”.  Während des Singens behält der Sänger tendenziell die Position der Einatmung bei. Das Ergebnis ist das sogenannte “sul fiato” – das Singen “auf der Luft” nicht mit der Luft. Manche Sänger haben tatsächlich das Gefühl, während der Tongebung einzuatmen.

Dennach dürfen wir den gesamten Atemraum wird nicht wesentlich verkleinern.  Es geht darum, möglichst wenig Luft zu verbrauchen. Die Stimmbänder werden dadurch geschont. Und: wir bekommen einen langen Atem. Wir können lange Gesangsphrasen singen, ohne sie mit einem Zwischenatem zu unterbrechen.

Du „unterstützt“ Deine Stimme und damit Deinen Klang mit den Muskeln um das Zwerchfell herum, mit den Bauch- und Rückenmuskeln. Bei hohen Tönen auch mit dem Becken.  Je höher Du singst, desto tiefer solltest Du die “Atemstütze” oder empfinden.

Die entscheidende Frage ist, was eigentlich unterstützt wird.  Du unterstützt das Beibehalten der Einatmungstendenz – die Weite des Brustkorbs.
Gleichzeitig wird durch eine gute Körperhaltung und Balance in der Körperspannung der Klang entscheidend kraftvoller.
Die Partner bei der sparsamen Luftabgabe sind die Stimmlippen. Entscheidend ist, dass sie bei der Tongebung ausreichend schließen.
Stell Dir vor, Du fährst mit Deinem Auto einen Berg abwärts. Du wirst Gas UND die Bremse einsetzen. Oder: wenn Du möglichst leise eine Tür schließen möchtest, ziehst vermutlich am Türgriff und wirst mit der anderen Hand die Tür kontrollieren.

Zusammenfassend: Gesundes Singen besteht darin, beim Singen, tendenziell die Weite Deines Atemraums, die sogenannte Einatmungstendenz, beizubehalten. Gesundes Singen heißt, dosiert und zurückhaltend Luft abzugeben. Du singst dann mit mit minimalen Luftverbrauch.

Die hochdramatische Sopranistin Birgit Nilsson: “Von der Stütze hängt alles ab. Die jungen Sänger die ich treffe, wissen überhaupt nichts davon. Nur, dass man irgendwie mit dem Zwerchfell stützen muss. Das ist zu wenig.”

Oft wird behauptet, dass eine gute Atmung automatisch zu einem guten Appoggio führt. Das ist  eine falsche Behauptung.  Appoggio, Support, die Atemstütze können von Dir erlernt werden.

 

Passaggio

Dabei geht es um den RegisterÜbergang und die Brücke von den tiefen Tönen zu den hohen. Es sollte von Dir ein Registerwechsel von einem bruststimmigeren Klang zu einem gemischten bis kopfstimmigeren gelernt werden. Dein Klang ist dann ausgeglichen mit gleicher Qualität bei tiefen wie bei hohen Tönen.

Oft singen Anfänger in einem Register so hoch wie möglich. Meistens ist es das Brustregister – wie bei der Sprechstimme. Das ist  falsch und Du schadest damit Deinen Stimmbändern. Deine Stimme kiekst oder wird schrill, gequetscht oder dumpf und irgendwann heiser. 

Es geht beim Passagio darum, möglichst leicht  höhere und hohe Töne singen zu können. Und: einen möglichst nahtlosen und um einen unhörbaren Übergang zur Höhe hin zu erreichen. Diesen Übergang von der Bruststimme zur gemischten oder Kopfstimme nennen wir Passaggio -Bereich. Du solltest lernen, in diesem Übergang in einen “höheren Gang zu schalten”.  Es findet ein Umbau in den Stimmbändern von der Vollfunktion (große Stimmbandmasse/Bruststimme/Brustresonanz)  in die Randstimmfunktion (kleine Stimmbandmasse/kopfstimmiger Klang/Kopfresonanz). Dein Klang wird mit dieser Technik in der Höhe nicht heller, sondern bleibt in einer Farbe. 

Der Kehlkopf bleibt in seiner tiefen Postion. Der Nasenrachenraum bleibt dadurch  geöffnet – wie beim Hecheln durch Mund und Nase.    Du singst  hohe Töne mit weniger Stimmbandmasse und Atemdruck. Der Klang wird dabei weicher und dunkler.  Der Vokal A wird z. B. von Dir unmerklich in der  “Zone des Passaggio” als O (wie in “offen”) abgerundet gesungen.  Vokalveränderungen in der Höhe solltest Du zulassen. Wenn beispielsweise  auf ein reines I bei einem hohen Ton bestehst, wirst Du Deine Kehle verengen.

Die Stimmbandmasse nimmt nimmt zur Höhe hin ab. Die Stimmlippen werden gedehnt und sind damit dünner. Haben weniger Masse, die Du zum Schwingen bringst. Du singst mit mehr Kopfstimmenanteil.  Kopfstimmiger wird Deine Stimme, wenn Du das sogenannte “Coperto” anwendest.  Zur Demonstration hier Luciano Pavarotti:

 

 

 

 

3. Singen

Nach dem Einatmen und dem Zurückhalten der Luft, dem” Support”,  setzt Du den Ton an. Du bleibst immer in dem Gefühl, leicht zu Gähnen oder zu Staunen. Die Stimmbänder werden über Deine klare Tonvorstellung geschlossen. Niemals solltest MIT der ausströmenden Luft den Klang ansetzen. Es sei denn Du beabsichtigst,  einen hauchigen Ton zu singen.  Du solltest vor dem Ansatz immer die Luft zurückhalten wie beim Freudenschreck.
Die italienische Gesangschule nennt es „auf dem Atem singen“ -sul fiato.

Beim gesunden Singen solltest Du darauf achten, dass Du ein möglichst entspanntes Gefühl im gesamten Mundraum, in der Gesichtsmuskulatur,  in der Zunge, im Hals und im Nacken empfindest.

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Beim Einatmen mit dem Gefühl wie kurz vor dem Gähnen, schaltet das Gehirn in den Entspannungsmodus. Auch die Stimmlippen, die aber zum Singen gespannt sein sollten. Deshalb hört man bei gähnenden Sprechen oder Singen einen matten, kernlosen Ton.

Der Kehlkopf bewegt sich dabei nach unten. Die Kunst besteht nun darin, in der  entspannten Gähnposition, die Stimmbänder zu spannen. Hier üben wir mit festen Vokaleinsätzen, um einen tragfähigen, kernigen Klang zu erzeugen, der obertonreich ist und genügend helle, metallische Klanganteile besitzt. Ist der Stimmbandschluss stärker, verstärkt sich die Brillanz.

Die Voraussetzung für gesundes Singen ist immer, dass wir vor dem Tonansatz die Luft zurückhalten.
Es sei denn, wir wollen einen bewußt hauchigen Ton in einem Popsong singen. Hier bleiben die Stimmlippen leicht geöffnet, die Luft strömt schneller aus.

 

Der Vokalausgleich

Unterschiedliche Vokale haben unterschiedliche Resonanzeigenschaften. Damit der Klang homogen klingt, ein Legato möglich ist der und ohne Mikrofon in einem großen Raum tragfähig ist, sollte das Obertonsprektrum der Vokale ähnlich sein.  Ideal ist der Vokal A oder das O (wie in „offen“), auch das offene Ö (wie in “Öffnung”). Alle anderen Vokale sollten tendenziell in der gleichen Position gesungen werden, haben sich dem Vokal A   anzunähern, weil sie naturgemäß schlechtere Eigenschaften in Bezug auf die Resonanz und die Obertöne haben.

Sänger sprechen hier vom „Vokalausgleich“. Das heißt, Du solltest versuchen, den Mundraum, den Kiefer und den Kehlkopf beim Singen der unterschiedlichen Vokale möglichst wenig zu verändern. Der Mund bleibt annähernd in der A-Position. Deshalb übst Du am besten in der Folge AÄIOU – am besten mit offenen Vokalen wie in der italienischen Spreche. Die Vokale selbst werden durch die Zunge gebildet. Eine besondere Aufgabe stellt für viele Sänger der Vokal I dar. Er schnürt oft die Resonanz ab, weil die Zunge im hinteren Teil ansteigt und bei falscher Ausführung, den Kehlkopf nach oben zieht. Günstig ist es, das I dem Ä  zu nähern. Das heißt, Du übst Vokalfolgen im Wechsel zwischen Ä und I und mischt so beide Vokale, so dass das I nicht eng geführt wird.  Günstig zum Üben des I-Vokals sind offene Vokallaute  wie in dem Wort “Tisch”.

Die Konsonanten sind eine Zusatzinformation und dürfen den Klangraum der Vokale nicht stören. Sinnvoll ist es, Gesangsliteratur erst einmal ausschließlich auf dem A oder offenen O oder offenen Ö zu üben. Danach mit den eigentlichen Vokalen bei gleicher Öffnung des Kiefers und der Kehle. Schließlich singst Du den Text. Dabei dürfen die Konsonanten den Vokalraum nicht  verkleinern, ansonsten sind sie “Klangkiller”.
Dies gilt vor allem beim klassischen Gesang – bei anderen Genres relativiert und verändert es sich je nach Stilistik.

Kirsten Flagstad, eine der größten und berühmtesten Sängerinnen in einem Interview: „I find myself constantly yawning. Yawning ist the most relaxed position in the throat and neck“. Der Vokaltrakt bestehend aus dem Kehlkopf, dem Mundraum, dem Kiefer und dem Gaumen, wird durch entspannt geweitet. Die Vergrößerung bewirkt beim Singen eine günstigere Resonanzeigenschaft. Je größer der Abstand zwischen den Stimmbändern und dem Gaumen, desto größer erscheint die Stimme. Auch die Klangfarbe ändert sich – je tiefer der Kehlkopf beim Einatmen nach unten bewegt wird, desto dunkler, resonanter und damit größer der Stimmklang.

 

Ausdruck und Interpretation.  Gesang verbindet uns und die anderen mit den Gefühlen und der Seele.

Der große Dirigent Wilhelm Furthwängler sagte einmal vor Studenten der “Hochschule für Musik” in Berlin, dass gerade technisch sehr einwandfreie  Leistungen bei Sänger-/innen  und auch bei Instrumentalist-/innen  gegenüber anderen, die technisch viel anfechtbarer sind aber viel glutvoller, leidenschaftlicher, emotionaler in der Darstellung sind, auf der Bühne oft  nicht so wirkungsvoll sind. Ausschließlich perfekte Technik führt leicht in die Langeweile. Wir Menschen wollen von der Musik vor allem berührt werden. Eine gute Technik haben viele – das Seelische wirkt oft stärker auf das Publikum als das Perfekte, das Technische. Die Technik ist sehr rationalisiert worden und muss mit dem Seelischen kombiniert werden.

Gesang ist der Schlüssel zu den geheimen Zugängen der Seele.
Wie stark Du Musik fühlst, wie stark sie Dich bewegt, ist sehr unterschiedlich und kann sehr wahrscheinlich von außen wenig beeinflusst werden.
Wenn Du aber durch Deinen Gesang andere Menschen emotional erreichen willst, solltest Du  zwischen dem gesungenen Text,  der Musik und Dir einen persönlichen Bezug herstellen. Es sollte eine Symbiose zwischen Dir, dem Komponisten und dem Dichter entstehen. Wir Menschen kennen alle die Grundgefühle von Freude, Traurigkeit, Sehnsucht, Liebesgefühle usw.

Der gute Sänger bewegt die Gefühle, erzeugt Euphorie, erzeugt Gänsehaut, rührt zu Tränen. Warum? Nicht weil er sie spielt, sondern sie im Moment seines Singens abrufen kann, weil er sie kennt. Oder eine Ahnung davon hat, wenn er das, worüber er singt, nie erlebt hat. Du solltest das menschliche Gefühl zulassen, zeigen, weil Du als Mensch für andere Menschen singst und wir alle diese Emotionen mehr oder weniger, je nach dem Erlebten, kennen.

Der Mut zur DEMASKIERUNG ist entscheidend. Der gute Sänger muss, wie auch der Schauspieler, innere seelische Wahrheiten enthüllen. Wahrheiten, die wir alle in uns tragen. Durch die Musik oder auch die Rolle, die Du spielst, werden sie abgerufen. Menschliche Wahrheiten herauszustellen – darum geht es letzlich.

Nur das menschliche kann Menschen erreichen und interessieren. Das Gefühl das Du zeigst, überträgt sich über die Spiegelneuronen. Was Du nicht fühlst, kann vom Zuhörer nicht empfangen und empfunden werden.

Wenn eigene Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen durch die Musik und den Text angesprochen werden, integriere sie in Deinen Gesang.  Gute Musik ist Seelenkommunikation.

 

Vibrato

Ein korrektes, geregeltes Vibrato ist eine Fluktuation – ein vibrierendes Schwanken um eine bestimmte Tonhöhe herum bei – idealerweise – etwa 6 Hz. Leichte Abweichungen werden vom Hörer noch als angenehm empfunden.

Das Vibrato entsteht von selbst, wenn alle Stimmparameter organisch auf einander abgestimmt sind – Du kannst es allerdings auch erlernen oder anregen.  Traditionell mit langsam beginnenden Halbton-Wechseltönen, mit denen Du nach und nach in eine schnelle Tonbewegung übergehst, bis Dein Ton  gleichmäßig schwingt.  Der Sänger Dietrich-Fischer Dieskau: “das Luftröhrenvibrato und das Zwerchfellvibrato müssen sich zusammen helfen”:  Bei vielen Sängern kann man eine äußere Schwingungsbewegung des Kehlkopfs beobachten.

Im klassischen Gesang ist generell eine stärkere Vibratoamplitude  gefordert, als bei anderen Genres.  Deine  Stimme ist dadurch tragfähiger, brillanter und kann sich trotz großer Orchester unverstärkt gut durchsetzen. Dies durch Schwingungs-Überlagerungen, die charakteristische Obertöne, z. B. die Sängerformanten bei 3, 5 und 8 KHz bilden.

Das Vibrato  ist ein Indikator dafür,  wie gesund Du Deine Stimme einsetzt.

Bei einem Tremolo ist die Vibratoschwinung zu schnell, bei einem Wobble deutlich wahrnehmbar zu langsam.

Dein  Vibrato ist ein Indikator für eine gesunde Stimmfunktion. Nicht zuletzt ein künstlerisches Ausdrucksmittel, mit dem der Sänger – wie der Maler mit seinen Farben – je nach Empfinden spielt.  Gute Sänger setzen bei dramatischeren Phrasen ein stärkeres, bei lyrischeren ein weniger starkes Vibrato oder bei Ruhe im Ausdruck  einen geraden Ton ein.  Die Qualität Deines Vibratos ist abhängig von der Entwicklung Deiner Gesangstechnik, von der Koordination und Freiheit Deiner Stimmfunktionen.

 

Wie solltest Du üben?

Wichtig ist, dass Du immer ein Übeziel hast. Fokussiere Dich darauf und übe sehr konzentriert.

Dies sind für Dein Üben wichtige Intentionen:

1. Klang Intention: konzentriere Dich darauf, wie Du klingen willst

2. Emotionale Intention: Fokussiere Dich auf den Gefühlsinhalt Deines Gesangs

3. Körperliche Intention:  konzentriere Dich auf die Wahrnehmung und Koordinierung körperlich-muskulärer Aktivität beim Singen