GRUNDKOMPONENTEN DER GESANGSTECHNIK

  1. Einführung
  2. Grundkomponenten der Gesangstechnik
  3. Bernoulli-Effekt
  4. Registermischung/-ausgleich
  5. Allgemeines zum klassichen Gesang
  6. Gesangstechnische Unterschiede zwischen klassischem Gesang und Pop
  7. Singen und Sprechen

GESANGSTECHNIK  BESTEHT IM WESENTLICHEN AUS DREI EINFACHEN GRUNDKOMPONENTEN:

Joan Sutherland hat sie einmal mit den Worten

“BREATH    –    SUPPORT    –     PROJECT”

in einer Diskussion mit Marilyn Horne über die Atemstütze zusammengefasst und fügte lachend hinzu: “it´s easy”.

Mit “projekt”  meinte Joan Sutherland “placement”  –  also “Stimmsitz”.

Dem entsprechend also  “ATEM   –  STÜTZE  –  STIMMSITZ”.

1. EINATMEN   und dabei den Vokaltrakt, d. h., die Kehle und den Kiefer optimal öffnen. Der untere Brustkorb –  auf der Ebene des Zwerchfells – weitet sich. Die ideale Atembewegung wird möglichst tief im Körper und sowohl im Bauch, als auch im Rücken und in den Flanken, also ringsum durch eine Ausdehnung empfunden. Bei der Einatmung senkt sich der Kehlkopf möglichst locker mit dem Gefühl wie kurz vor dem Gähnen. Gähnen ist ein großes Entspannungsgefühl und darf auch nicht überzogen werden. Oft hilft auch es auch einfach, die Kehle und den Kiefer tief und entspannt hängen zu lassen. Eine bewährtes sängerisches Einatmen, bei dem der Gefühlsimpuls einbezogen wird und die Kehle optimal geöffnet wird, ist “The happy surprise” – also ein Einatmen mit einem freudigen Überraschungsimpuls.  Die optimale Kehlweite kann auch mit dem Gefühl des Lautes “Hu” geübt werden.  Weiter bewährt hat es sich, leicht gähnend zu Hecheln und dieses offene Kehlgefühl beim Singen aufrecht zu erhalten.

  • NASEN- oder MUNDATMUNG?  

Grundsätzlich soll – um ein Austrocknen der Schleimhäute zu vermeiden – durch die Nase eingeatmet werden.  Dies ist             jedoch beim Literatursingen, wegen der notwendigen Schnelligkeit des Einatmens, unpraktisch.  Es wird durch die                   Nase und den Mund GLEICHZEITIG  eingeatmet.

2. ATEMSTÜTZE,  den Atem “stützen”,  oder besser, wie es in der englischen Sprache heißt, “unterstützen”. In der italienischen Gesangsschule spricht man von “Appoggio”. Es geht darum, die Einatmungsweite / Einatmungstendenz möglichst lange aufrecht zu erhalten,  um einen langen Atem herzustellen und den Atemfluss zu dosieren, genau wie er  für die Tonerzeugung notwendig ist. Letztlich um eine Spannungsbalance der Ein- und Ausatmungsmuskeln.  Ein  “gestützter Ton” ist weitaus kraftvoller als ein “ungestützter”.

Das Zwerchfell, als stärkster Atemmuskel, spielt eine sehr wichtige Rolle für die ausbalancierte Luftabgabe beim Singen. Es wird dabei für die Dauer der musikalischen Phrase oder des Tones in seiner – zur Seite und nach unten ausgedehnten Form kontrolliert in der relativen Tendenz der Einatmung belassen. Das Zwerchfell steigt beim Singen durch den notwendigen Atemfluss so langsam wie möglich wieder in seine Ausgangsposition zurück. Die untere Brustkorbbegrenzung, also die Ebene des Zwerchfells,  wird dabei bei der Luftabgabe, die zum Singen notwendig ist, weit gehalten. Dies ist ein aktiver Vorgang und geschieht mit den Einatmungsmuskeln, den Zwischenrippenmuskeln, den oberen Bauch- und Rückenmuskeln.  Entscheidend ist vor allem, so tief man die Atmung auch empfinden sollte, die Muskulatur um das Zwerchfell herum und die Spannungsbalance, das richtige Zusammenspiel der Bauch- und Rückenmuskulatur.   Die Aufgabe ist es, den für das Singen optimalen, kontrollierten Luftfluss herzustellen, wie er gerade für die Erzeugung der Töne  über den “Bernoulli”-Effekt nötig ist.  Der Atem sollte  langsam und kontrolliert ausströmen.   Bei richtigem Gebrauch der Atemstütze entsteht das Gefühl, der Ton “schwebe” auf dem Atem.

Bei der Ruheatmung – im Gegensatz zur Sängeratmung, bewegt sich der Ober- UND Unterbauch bei der Einatmung nach außen, bei der Ausatmung nach innen.  Der Unterschied zur Sängeratmung ist, dass der Oberbauch – da das Zwerchfell möglichst langsam ansteigen soll, beim Singen möglichst NICHT (bzw. relativ langsam) nach innen tendiert, sondern in der eingeatmeten Weite bleibt. Der Unterbauch zieht passiv langsam nach innen oben.

Der richtige Einsatz des Zwerchfells mit den umgebenden Muskeln – die relative Aufrechterhaltung der Einatmungstendenz – also die “Atemstütze” – verhindert Stimmprobleme.  Der Kehlkopf, die Stimmbänder werden von übermässigen Druck befreit und damit wird Stimmproblemen entgegen gewirkt.  Das Ergebnis richtig ausgeführten “Appoggios” ist ein absolut freies Gefühl im Kehlkopf – dagegen aber Spannung in den das Zwerchfell umgebenden Muskeln, ebenso in Bauch- und Rückenmuskulatur. Auch wird bei hohen Tönen die Beckenbodenmuskulatur mit verwendet.

Gesangspädagogische Ansätze mit der Theorie, die Stütze ergäbe sich von alleine, wenn nur die Stimmlippenfunktion und der Stimmansatz stimme, konnte  bisher in meiner Arbeit  nicht in einem einzigen Fall bestätigt werden. Deshalb muss nach meiner Ansicht das Appoggio aktiv erlernt werden.  Die Atemstütze erfordert einiges Training und Körpergefühl.  Fritz Wunderlich sagte einmal, er habe seinen langen Atem dem Trompetenspiel zu verdanken und habe dabei die Atemstütze gelernt.   Ich persönlich halte Atemübungen im Gesangsunterricht für essentiell. Atmen und Stützen sind aber nicht das Gleiche, aber richtig zu atmen ist das erste, was gelernt werden muss.  Joan Sutherland und Marilyn Horn rieten Gesangsschülern dazu, Gesangslehrer, die der Ansicht sind, um den Atem müsse man sich nicht kümmern und die Atemstütze ergebe sich schon nach einiger Zeit, sofort zu verlassen.  Die “gestützte Stimme”  ist das Resultat einer vom Sänger gelernten, aktiv bewussten, kontrollierten Zwerchfellaktivität. Nur bei außergewöhnlichen Naturstimmen ist das Appoggio – die Atemstütze – unbewusst. Die Einregister-Stimme, also eine Stimme mit gleichbleibender Qualität basiert auf dem Appoggio.

3. STIMMSITZ

Dieser Begriff beschreibt das Ergebnis einer optimalen Resonanzausnutzung.  Ein guter Vokalausgleich und eine ausgewogene Registermischung in Verbindung mit der Atemstütze – dem Appoggio – hat eine “gut sitzende Stimme” zur Folge.  Die Mehrheit der Sänger empfindet den Klang in der Tiefe und Mittellage am  harten Gaumen und in den vorderen Kopfresonanzen, zur Höhe hin mehr zum weichen Gaumen und zu den hinteren Kopfresonanzen hin.  Neue gesangspädagogische Ansätze lehnen den Begriff “Stimmsitz” vollständig ab. “The voice lives where she lives”  (Gerald Finley). Weiter Marylin Horne in einem Interview mit Jerome Hines: “How about placement?” –  “I don`t think abaut placement. I´ve a natural placement”.  Der Versuch eines Gesanglehrers, individuelle, rein subjektive Vibrationsempfindung für den Gesangsunterricht als allgemeingültiges Gesetz zu erheben, ist zumindest als sinnvoll in Frage zu stellen. Die grosse Sängerin Lilli Lehmann beschrieb z. B. in ihrem Buch “Meine Gesangskunst”, dass man die Stimme nicht in den Saal – wie beim Rufen – richten soll, sondern sich auf die inneren Gefühle verlassen soll. Das erste ist sicherlich richtig. Die eigenen sensorischen Empfindungen aber übertragen zu wollen, ist – gelinde gesagt – schwierig.  Es ist für den Gesangschüler irritierend, nicht exakt nachempfinden zu können.  Nach meiner Meinung ist es  besser, eine Klangvorstellung zu entwickeln und eine möglichst nachvollziehbare und einfache Gesangstechnik zu unterrichten, so dass sich für den Gesangschüler persönliche Empfindungen einstellen können.   Es ist dann nicht die Übertragung, sondern individuelles Gefühl.

In meiner Arbeit versuche ich immer mit dem Schüler gemeinsam herauszufinden, welcher pädagogische Ansatz für ihn hilfreich ist und zu hörbarer Verbesserung führt.